1. Ausgangslage
Frankfurt am Main ist eine dynamische, wachsende Stadt mit internationaler Ausstrahlung. Gleichzeitig verändert sich die Bevölkerungsstruktur spürbar: Die Zahl älterer und vor allem alleinstehender Menschen nimmt zu, Lebensentwürfe werden vielfältiger, das Konsum- sowie Mobilitätsverhalten wandelt sich grundlegend. Die bestehende städtebauliche Struktur Frankfurts ist historisch stark auf eine jüngere, erwerbstätige Bevölkerung ausgerichtet. Das Stadtzentrum ist Ort für Arbeit, Konsum und Kultur. Bedürfnisse älterer Menschen wurden bislang nicht in den Fokus der Stadtentwicklung gestellt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und wie das WHO-Konzept der „Age-friendly City“ für Frankfurt am Main einen zukunftsweisenden Ansatz bieten kann.
2. Das Konzept der Age-friendly City
Das Konzept der „Age-friendly City“ geht auf die Weltgesundheitsorganisation zurück und beschreibt Städte, die aktiv darauf ausgerichtet sind, ein gutes Leben im Alter zu ermöglichen. Dabei wird Altern nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines inklusiven, generationengerechten Gemeinwesens verstanden.
Im Zentrum stehen acht zentrale Handlungsfelder:
· Öffentlicher Raum und Gebäude (Barrierefreiheit, Aufenthaltsqualität)
· Verkehr und Mobilität (niedrigschwellige, sichere Angebote)
· Wohnraum (bezahlbar, barrierearm, quartiersnah)
· Soziale Teilhabe (Begegnungsorte, kulturelle Angebote)
· Respekt und soziale Inklusion (gesellschaftliche Wertschätzung)
· Bürgerschaftliches Engagement und Partizipation
· Kommunikation und Information (zugänglich, verständlich, digital wie analog)
· Unterstützungs- und Gesundheitsdienste
Wesentlich ist dabei: Eine altersfreundliche Stadt entsteht nicht primär durch kostspielige Investitionen, sondern durch ein verändertes Denken – durch integrierte Planung, Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger sowie die konsequente Ausrichtung auf Alltagsbedürfnisse.
3. Nutzen für Frankfurt am Main
Die Umsetzung des Konzepts böte Frankfurt vielfältige Chancen:
a) Lebensqualität für alle Generationen
Maßnahmen, die älteren Menschen zugutekommen – etwa barrierefreie Wege, sichere Querungen, gute Nahversorgung oder verständliche Informationen – verbessern die Lebensqualität aller: Familien mit Kindern, Menschen mit Behinderungen, Zugewanderte sowie Personen in unterschiedlichen Lebenslagen profitieren gleichermaßen.
b) Anpassung an verändertes Konsumverhalten
Der stationäre Einzelhandel im Stadtzentrum verliert angesichts des Online-Handels an Bedeutung. Dies eröffnet Chancen für eine neue Nutzungsmischung: mehr soziale Infrastruktur, wohnortnahe Dienstleistungen, Begegnungsorte und quartiersbezogene Angebote. Eine altersfreundliche Stadtentwicklung kann hier wichtige Impulse setzen.
c) Stärkung sozialer Infrastruktur und Quartiere
Eine stärkere Orientierung an Quartieren fördert soziale Netzwerke, reduziert Isolation und unterstützt ein selbstbestimmtes Leben im Alter. Gleichzeitig werden Wege kürzer, Ressourcen effizienter genutzt und lokale Strukturen gestärkt.
d) Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit
Viele Maßnahmen im Sinne einer Age-friendly City erfordern keine großen Investitionen, sondern eine kluge Planung und Prioritätensetzung. Beispielsweise können Sitzgelegenheiten, bessere Beschilderung oder flexible Nutzungen öffentlicher Räume mit vergleichsweise geringem Aufwand umgesetzt werden.
e) Internationale Vernetzung und Wissenstransfer
Ein bedeutender Vorteil liegt in der Mitgliedschaft in einem internationalen Netzwerk altersfreundlicher Städte. Frankfurt könnte von erprobten Lösungsansätzen anderer Kommunen weltweit profitieren, innovative Ideen adaptieren und gleichzeitig eigene Erfahrungen einbringen. Dies stärkt die strategische Entwicklung der Stadt und ihre internationale Positionierung.
4. Herausforderungen und Handlungsbedarf
Frankfurt steht vor der Aufgabe, seine bislang stark funktionsgetrennte Stadtstruktur weiterzuentwickeln. Insbesondere das Stadtzentrum muss perspektivisch stärker als Lebensraum gedacht werden – nicht nur als Ort des Konsums und der Arbeit. Dazu bedarf es:
· einer integrierten Stadtentwicklungsstrategie mit Fokus auf demografische Veränderungen
· einer stärkeren Beteiligung älterer Menschen an Planungsprozessen
· einer besseren Verzahnung von Sozial-, Verkehrs- und Stadtplanung
· der gezielten Förderung quartiersbezogener Ansätze
Ein Umdenken ist erforderlich: weg von sektoralen Lösungen hin zu ganzheitlichen Konzepten, die den Alltag der Menschen in den Mittelpunkt stellen.
5. Fazit und Empfehlung
Das Konzept der Age-friendly City bietet für Frankfurt am Main eine überzeugende Grundlage, um den Herausforderungen des demografischen Wandels aktiv zu begegnen und die Stadt zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Es verbindet soziale, städtebauliche und infrastrukturelle Aspekte zu einem ganzheitlichen Ansatz und schafft Mehrwert für die gesamte Stadtgesellschaft.
Der Arbeitskreis Gesundheit, Pflege und Alter der Liga Frankfurt empfiehlt daher, dass die Stadt Frankfurt am Main dem internationalen Netzwerk altersfreundlicher Städte beitritt und das Konzept systematisch in ihre strategischen Planungen integriert.
Ein solcher Schritt würde nicht nur die Lebensqualität vor Ort verbessern, sondern auch die Innovationsfähigkeit der Stadt stärken und ihre Rolle als moderne, inklusive Metropole unterstreichen.
